Psychosomatisches Wochenende für Expert*innen in Haselünne erfolgreich
Der wissenschaftlichen Leiterin Dr. Carina Michalek, Chefärztin der Klinik für Psychosomatische Medizin & Psychotherapie in Haselünne, gelang es namhafte und renommierte Referent*innen zu gewinnen, die in kurzweiligen Vorträgen und vertiefenden Workshops neueste Erkenntnisse für die Praxis dem Publikum näher brachten.
Mit einleitenden Worten sowohl von Verwaltungsdirektor Walter Borker, der die Entwicklungen am Standort Haselünne erläuterte, als auch von Bürgermeister Werner Schräer wurde die Tagung eröffnet.
Dr. Anne Mergeay half den Teilnehmenden durch ihren Vortrag die eigene Verlorenheit in der Sprachlosigkeit der somatischen Medizin zu überwinden. Sie wies auf die gesundheitssystemisch bedingten kurzen Gesprächskontakte in der allgemeinärztlichen Sprechstunde hin und wie sich diese durch die psychosomatische Gesprächsziffer aufweiten lassen kann. Ziel sollte es sein Patient*innen von Anfang an ausreichend Raum für das Erkennen eines psycho-emotionalen-sozialen Zusammenhangs zu den bestehenden körperlich erlebten Symptomen zu geben, um bereits frühzeitig Chronifizierungen eines somatisch geprägten Krankheitskonzeptes zu verhindern.
Die Tagung warf einen Blick auf die Frauenmedizin, für die ebenfalls eine Sprachlosigkeit festzustellen war. Frau Dr. Andrea Hocke von der Universitätsklinik Bonn brachte den Teilnehmer*innen das Thema Vulvodynie, also Schmerzen im äußeren und hineinführenden Genitalbereich der Frau, näher. Eindrücklich erläuterte sie den Zusammenhang des Schmerzerlebens mit psycho-sozialen Belastungen.
Eine gemeinsame Sprache finden war auch das Leitthema von Psychosomatikerin Andrea Eppinger, die auf die Bindungstheoretischen Hintergründe von Autismus-Spektrumstörungen und Aufmerksamkeits-Defizit und Hyperaktivitätsstörungen hinwies. Der Vortrag beeindruckte durch die Autismus-sensiblen Folien mit eingängigen Piktogrammen, die den neurotypischen Teilnehmer*innen ein gutes Beispiel im Umfang mit Neurodivergenten Menschen gaben.
Im Nachmittagsbereich vertieften die Teilnehmer*innendie Vortragsthemen und konnten sowohl mit einer Schauspiel-Patientin eigene Gesprächstechniken verfeinern, Arbeitsmaterialen für neurodivergente Menschen ausprobieren als auch Kunst- und Musiktherapie als Methode selbst erfahren.
Am Abend trat die Tagung zu einem Get-together mit vorzüglichen kulinarischen Schmankerln aus der Krankenhausküche zusammen. Im Sinne des Oberthemas konnten hierdurch Vernetzungen entstehen, die für die Versorgung der Menschen mit psychosomatischen Erkrankungen im Emsland langfristig hilfreich werden.
Am Samstagmorgen eröffnete Frau Prof. Marie-Luise Dierks von der Medizinischen Hochschule Hannover den Tag mit einem Einblick in die Wirksamkeit von Selbsthilfegruppen. Selbsthilfe ist eine wichtige Säule des Gesundheitswesens und wird von den gesetzlichen Krankenkassen mitfinanziert. Die Teilnehmer*innen zeigten sich sehr interessiert für die Zugangsmöglichkeiten.
Herr Prof. Peter Zimmermann von der Bergischen Universität Wuppertal vertiefte den Kenntnisstand des Publikums für die Wechselwirkungen zwischen Bindungsstil und Emotionale Entwicklung. Der Bindungsstil beschreibt die Fähigkeit sich mit anderen Menschen verbunden zu fühlen und diese in Krisen zur Beruhigung nutzen zu können. Bei Störungen in diesem Bereich zeigte Prof. Zimmermann auf, dass der emotionale Ausdruck stark vermindert sein kann bzw. stark übersteigert, ohne dass es zu Trost und Beruhigung kommen kann.
In einem kurzweiligen Vortrag brachte Herr Dr. Ibrahim Özkan die Teilnehmenden in Kontakt mit Fremdheit. Er erläuterte die Herausforderungen mit „Migrationserbe“ eine Brücke zwischen verschiedenen Kulturen zu schlagen und half den eigenen Blickwinkel auf Patient*innen-Therapeutenkontakte zu erweitern.
Aus dem fernen Ulm war Dr. Stephan Frisch, Forscher im Bereich der Chronischen Schmerzstörungen, angereist. Er brachte neueste Erkenntnisse aus der Wissenschaft mit, die das bekannte bio-psycho-soziale Modell der Schmerzverarbeitung um das Konzept des predictive processings mit Prior Knowledge ergänzen. Dieses neuere Konzept besagt, dass Menschen zu allen erlernten Tätigkeiten und Empfindungen ein inneres Muster bereithalten. Wenn eine bestimmte Bedingung eintritt, z. B. der Gedanke jetzt in eine Zitrone zu beißen, tritt Speichelbildung auf. Selbst, wenn gar keine Zitrone im Raum ist. Diese Muster helfen Handlungen zu vereinfachen und sind genauso aktiv, wenn Schmerzen bei einer bestimmten Bewegung erwartet werden. Hieraus ergeben sich wiederum Behandlungsmethoden, um die Entstehung von Chronischen Schmerzstörungen zu verhindern bzw. diese zu lindern.
In sehr guter Arbeitsatmosphäre stellte Dr. Frisch im anschließenden Workshop ein „Sowohl-als-auch-Modells“ vor, dass integrativ die neuesten Erkenntnisse so vermittelt, dass dieses von chronischen Schmerz Patient*innen gut nachvollzogen werden kann.
Im Workshop „Regulation von Gefühlen“ erarbeitete Prof. Zimmermann in regem Austausch mit den Teilnehmenden ein tieferes Verständnis darüber, warum gerade enge Beziehungen so intensive Gefühle auslösen und wie man in Beziehungen den Umgang mit Emotionen lernt.
Die Teilnehmenden lobten in der Abschlussdiskussion die sehr gute Lernatmosphäre und die nahbaren Referent*innen für ihre jeweils hoch informativen und verständlichen Vorträge. Der Organisation wurde ein gutes Gespür für die Mischung aus Vorträgen und Workshops rückgemeldet, so dass für den Praxisbezug viel mitgenommen werden konnte.